• Holger Zastrow im Interview mit der Leipziger Volkszeitung

    Eine Woche vor der Landtagswahl hat die Leipziger Volkszeitung den sächsischen FDP-Spitzenkandidaten, Holger Zastrow, zum Interview getroffen. Das Gespräch mit André Böhmer, dem stellvertretenden LVZ-Chefredakteur, können Sie hier in seiner autorisierten Fassung nachlesen:

    Frage: Herr Zastrow, Schwarz-Gelb ist in Sachsen gerade in aller Munde, weil Dynamo Dresden Schalke 04 aus dem Pokal gefeuert hat. Das ist doch mal eine echte Wahlkampfhilfe, oder?

    Zastrow: Da ist was dran (lacht), weil wir ja in Sachsen die einzige schwarz-gelbe Landesregierung haben. Die Dynamo-Sensation passt farblich ganz gut zum politischen Erfolgsmodell, aber wir wollen natürlich nicht nur in Dresden punkten.

    In Sachsen laufen viele Wetten, ob es die FDP noch in den Landtag schafft. Wie hoch ist Ihr Einsatz?

    Zastrow: Ich setze alles, es wäre ja komisch, wenn ich das als Parteichef anders tun würde. Aber jetzt mal im Ernst, für uns ist das kein Spiel. Wir sind die ersten Liberalen in der Geschichte, die mit einer außerparlamentarischen Bundespartei einen Landtagswahlkampf bestehen müssen.

    Ist das nicht ein Vorteil ? Die Bundes-FDP findet ja quasi nicht statt.

    Zastrow: Die Situation lässt sich nicht ändern. Wir standen vor der Bundestagswahl im Herbst in Sachsen stabil bei über fünf Prozent. Das ist seitdem anders, hat aber nicht mit uns zu tun. Wir zahlen den Preis für den Ansehensverlust der Bundes-FDP. Aber jammern hilft nichts, wir haben die Aufgabe angenommen und kämpfen.

    Kampf hin oder her, beim Blick auf die Umfragen müssen Sie schon viel Optimismus haben.

    Zastrow: Wenn ich mir alle Umfragen der vergangenen Jahre zu Herzen genommen hätte, hätte ich nicht anzutreten brauchen. Wir wissen, dass wir es schaffen können. Der Erfolg ist in Reichweite.

    Wie wollen Sie das Ruder noch rumreißen?

    Zastrow: Ich muss nichts mehr herumreißen. Wir haben durch unseren Wahlkampf und unseren Slogan ‘Sachsen ist nicht Berlin‘ die Sachsen schon zum Nachdenken angeregt. Der Freistaat braucht einen eigenen, einen sächsischen Weg und die Freiheit, Dinge anders zu machen, als in Berlin oder anderswo, und das wollen wir vermitteln. So schaffen wir es in absehbarer Zeit, zu den Besten in Deutschland zu gehören. Das ist unsere Mission.

    Hopp oder Top am 31. August, wie gehen Sie mit dem Druck um?

    Zastrow: Ich liebe Wahlkampf. Mich motiviert diese Konstellation und dass wir es aus eigener Kraft schaffen können. Wir sind jedenfalls dicht dran. Mir gefällt es, wenn jetzt plötzlich das ganze Land nach Sachsen schaut. Denn unsere Leistungsbilanz kann sich sehen lassen.

    Der politische Gegner und Werbeexperten sprechen eher von ‘Angstschweiß‘, der Ihre Wahlkampagne überlagert.

    Zastrow: Wir haben keine Angst. Bei uns geht es nicht um die persönliche Existenz. Wir sind anders als Frau Hermenau und die Herren Gebhardt und Dulig keine Berufspolitiker. Wir sind unabhängig und können daher einzig und allein für unsere Ideen kämpfen.

    Sollten Sie den Wiedereinzug in den Landtag schaffen, wären Sie der große Retter, der die Liberalen vor dem Untergang bewahrt hat. Muss sich dann die Bundes-FDP warm anziehen?

    Zastrow: Wenn wir Erfolg haben, werden wir uns als sächsische FDP wieder mehr in Berlin einbringen, das wird man von uns erwarten. Und das werden wir tun.

    Stichwort Koalitionsbilanz: Da ist bei vielen Sachsen der Eindruck haften geblieben, dass die FDP fünf Jahre lang vor allem um Kleinbahnen und Autowaschanlagen gekämpft hat.

    Zastrow: Moment, wir haben Sachsen als einziges Bundesland auf einem marktwirtschaftlich-freiheitlichen Kurs gehalten. Das ist das Wesentliche. Der Kurs von Schwarz-Gelb in Sachsen ist einzigartig, in anderen Bundesländern gibt es doch eher planwirtschaftliche und sozialistisch anmutende Lösungsansätze.

    Klarer Kurs? Die FDP kam in der Regierung eher kleinteilig rüber. War etwa die Einführung der Heimatkennzeichen eine liberale Großtat?

    Zastrow: Ja, manche spotten darüber, aber über 250 000 Menschen in Sachsen eben nicht, die haben sich genau dafür entschieden, für die war das wichtig. Wir haben eben das Praktische und Konkrete nicht außer Acht gelassen, etwa das Erfolgsmodell des Moped-Führerscheins mit 15, um nur ein weiteres Beispiel zu nennen. Das hängt mit unseren Wurzeln zusammen, und die liegen in der Kommunalpolitik. Da kann man sich nicht wie SPD und Grüne mit Phrasen aus dem Staub machen und sich in theoretischen gesellschaftlichen Debatten verlieren.

    2009 wurde die SPD als kleiner Regierungspartner vom Wähler abgestraft, jetzt steht die FDP vor einem ähnlichen Einbruch. Wie ist das zu erklären?

    Zastrow: Das ist nun einmal unser Schicksal als kleiner Partner, mich überrascht das nicht. Der große Partner erntet auch das, was der kleine Partner sät. Die meisten Dinge, die in Sachsen gut gelaufen sind, sind aber entweder in einem kreativen Prozess gemeinsam entstanden oder gingen von der FDP aus.

    In der Öffentlichkeit ist das irgendwie anders angekommen.

    Zastrow: Stopp der Schulschließungen, Sachsens ablehnende Position zur abenteuerlichen und teuren Energiewende, ein schlankes und mittelstandfreundliches Vergabegesetz – das alles haben wir im Freistaat angeschoben und durchgesetzt. Allein hätten wir das nicht geschafft, die Union hat viele Ideen mitgetragen. Aber der Glanz des Erfolgs fällt dann zuerst auf den Ministerpräsidenten.

    Und das wurmt Sie?

    Zastrow: Nein, ich gönne ihm das. Die Mechanismen sind in Sachsen so, der Erfolg ist immer mit der CDU verbunden, der Misserfolg mit den anderen. Wir als kleiner Partner hatten es schwer, durchzudringen, auch in den Medien und der öffentlichen Berichterstattung. Trotzdem denke ich, dass die Wähler schlau sind und genau erkennen, worin unser Anteil am Erfolg der Koalition besteht.

    Das hatte die SPD 2009 auch gehofft und kam dann gerade mal über zehn Prozent. Sie haben dann das SPD-Erbe angetreten.

    Zastrow: Es war eher eine Last, wir haben die Pleite der Landesbank geerbt, an deren Schieflage wir nicht den geringsten Anteil hatten. Geerbt haben wir auch das Chaos um den Leipziger City-Tunnel und den Ausbau der A 72 – Projekte, die Wirtschaftsminister Morlok zur Chefsache gemacht und gerettet hat. Auch der Lehrer-Mangel war seit der vorletzten Wahlperiode schon absehbar, wir mussten dieses Problem dann lösen. Die schwarz-gelbe Koalition war am Anfang auch ein Reparaturbetrieb von Schwarz-Rot. Diese schlechte Ausgangsposition haben viele schon wieder vergessen.