• “Sie sind hier nicht bei den Guten” – 350 Teilnehmer bei Alternativer Technologiekonferenz

    „Wie könnt ihr nur, sowas macht man nicht, so redet man nicht!“ So oder ähnlich schalle es ihm entgegen, wenn er außerhalb Sachsens oder der sächsischen FDP über die Fortschrittsoffensive der FDP-Landtagsfraktion berichte, so Fraktionschef Holger Zastrow zu Beginn der vierten Veranstaltung der Reihe. „Technophobie und Fortschrittsfeindlichkeit – Wohlstandsdepression oder linksgrüner Zeitgeist“ so der Titel diesmal im Dresdner Internationalen Congress-Center. Und das Interesse ist überwältigend. 350 Gäste bedeuten neuen Teilnehmerrekord. Denen ruft Zastrow zunächst augenzwinkernd die Warnung zu: „Aber Vorsicht, Sie sind hier nicht bei den Guten!“, um dann angesichts des großen Interesses einzuschränken, dass die Verhältnisse in Sachsen eben doch oft anders sind, als beispielsweise in den alten Bundesländern. Die Sachsen seien nicht nur Tüftler, Denker und technikbegeistert, sondern hier seien Freiheit und Leistungsbereitschaft noch Staatsdoktrin. Für den sächsischen FDP-Vorsitzenden liegt die Ursache dafür auch darin, weil „die Sachsen eben wissen, wohin es führt, wenn Wirtschaft und Wissenschaft in ein ideologisches Konzept gepresst werden.“ Die Energiewende etwa sei – schlimmer als in der DDR – Planwirtschaft ohne Plan. Die Basis dafür Angst; vor Klimawandel, Gentechnik, vor Kernkraft und vor Fortschritt. Er frage sich, ob es uns so gut gehen würde, wenn unsere Großeltern genau so gedacht hätten. „Wenn diese Angst weiter um sich greift, dann werden die klugen Köpfe bald woanders hingehen“, warnte der FDP-Fraktionschef. Die diffuse „German Angst“ sei dabei sogar schon im Ausland sprichwörtlich und für manche eine gute Geschäftsgrundlage. Parteien wie die Grünen existierten sogar nur deswegen. Den Liberalen in Sachsen dagegen gehe es darum, die Schwarz-weiß-Denke aufzubrechen und Stimmen und deren Argumenten abseits des politischen Mainstreams eine Plattform zu geben.

    Fortschrittoffensive 11.03.2014

    „Frack for Freedom“

    Im ersten Vortrag war es dann auch Co-Veranstalter Holger Krahmer, sächsischer FDP-Europaabgeordneter aus Leipzig, der klarstellte: „Die aktuelle Debatte in Deutschland um erneuerbare Energien und die Energiewende hat mit der internationalen Realität nichts zu tun.” Der Energiebedarf gerade außerhalb der OECD, etwa in China, steige in den kommenden Jahren um rund zwei Drittel. Erneuerbare Energien aber auch Kernkraft lieferten dabei lediglich 10 Prozent des Bedarfs. Das Gros komme auch und vor allem in der Zukunft durch fossile Brennstoffe, vor allem Gas, das derzeit eine gewaltige Renaissance erlebe. Krahmer machte deutlich, dass diese konventionellen Energiereserven gerade in den USA, aber auch in Europa gewaltig seien. Nur würden diese Reserven aus politischen Gründen in Deutschland – anders als in den Staaten – nicht erschlossen. Das führe unter anderem dazu, dass die Industriestrompreise in den USA aktuell etwa nur halb so hoch sind, wie in Deutschland. Was wiederum eine Re-Industrialisierung der USA und eine schleichende De-Industrialisierung Deutschlands zur Folge hat. Und eine weitere Folge des Schiefergasbooms in den USA zeichne sich ab. Die Energieversorgung des Westens hänge zunehmend nicht mehr von Staaten aus geopolitisch instabilen Regionen, wie etwa der arabischen Halbinsel, ab. So könne die aktuelle Entwicklung in Russland und auf der Krim letztlich sogar in Europa der Schiefergasförderung zum Durchbruch verhelfen.
    Sozialpädagogischer Versuch, zweiten Hauptsatz der Thermodynamik zu widerlegen
    Der Berliner Kernphysiker Dr. Götz Ruprecht verblüffte die Besucher der Alternativen Technologiekonferenz mit dem von ihm und einem internationalen Forscherteam entwickelten umweltfreundlichen und vergleichsweise preiswerten Nuklear-Reaktor. Bemerkenswert: Der sogenannte „Dual-Fluid-Reaktor“ erzeugt keine verbrauchten Brennstäbe und benötigt deshalb in der Folge kein atomares Endlager. Und: Im Vergleich zu den irrwitzigen Kosten der Energiewende von etwa 2,5 Billionen Euro nehmen sich die Kosten für den Reaktor von Jährlich 12 Milliarden Euro geradezu bescheiden aus, so Ruprecht. Er hätte sich im Übrigen nie träumen lassen, dass er sein Reaktor-Konzept nach dem deutschen Atomausstieg im Rahmen einer politischen Veranstaltung vorstellen kann und bezeichnete die deutsche Energiewende als den „sozialpädagogischen Versuch, den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik zu widerlegen.“

    Ablehnung der Gentechnik ist Mainstream und braucht deshalb sachliche Begründung

    Thilo Spahl, Psychologe und Bestsellerautor sowie Ressortleiter bei „NovoArgumente“, setzte sich in seiner Präsentation vor allem mit den Gründen für die panische Angst in Deutschland vor Gentechnik und neuen Technologien auseinander. Vieles beruhe auf diffuser Ablehnung und fehlendem Wissen über die wissenschaftlichen Hintergründe. Allein die Aussage, Gentechnik sei „gegen den Willen der Menschen“ genüge heutzutage. Dabei bedürfe es inzwischen keiner sachlichen Begründung mehr. Er ordnete die Gentechnik-Gegner in sechs Klassen ein. NGOs, wie Greenpeace oder Foodwatch, deren Finanzierung davon abhänge, ob und wie sehr sich die Menschen ängstigen, die Populisten wie Gabriel oder Seehofer, die mit Stimmungen Stimmen sammeln, brave Aussteiger, selbsternannte Experten, Widerstandsromantiker und Maskottchen, die als Gentechnik-Gegner um die Welt ziehen und damit ihren Lebensunterhalt bestreiten. Allen gemein sei, dass ihre Argumente oft selbstsüchtig und zynisch seien, weil sie die Chancen, die die Gentechnik bietet, verschweigen. Fazit von Thilo Spahl: Die Ablehnung der Gentechnik ist im Mainstream angekommen und braucht deshalb keine sachliche Begründung mehr.

    Lösung der echten Probleme nur mit mehr Technologie

    „Nanotechnologie: Die nächste Panik nach Kernkraft und Klima?“ – so der Titel des Vortrages des Konstanzer Physik-Professors Dr. Gerd Ganteför. Launig, populärwissenschaftlich und doch verständlich nahm er die Zuhörer mit auf einen Parforceritt durch die Welt der Nanoteilchen und deren Möglichkeiten für die Zukunft. Zunächst nahm sich Ganteför aber die vermeintliche Zukunftsvision des deutschen Mainstreams vor. Sie laute zusammengefasst: Kleinere Autos, weniger Wachstum, dunklere Lampen. Kurzum: Alles soll also schlechter werden. Gegen den deutschen Kleinmut stünden die vier tatsächlichen globalen Probleme: Armut, Bevölkerungswachstum, Ressourcen und Klima. „Diese tatsächlichen Probleme können nur mit mehr Technologie lösen und nicht durch Verzicht auf technischen Fortschritt. Dabei, so Ganteför, sei es wie immer. Wissenschaft biete die Möglichkeit, ihre Erkenntnisse so oder so einzusetzen. So böten sich beispielweise durch Nano-Chips unglaubliche Kapazitätssteigerungen für Computer, die in 30 bis 40 Jahren künstliche Intelligenz zur Folge haben werden. Gleichzeitig könne man mit derartigen Rechenleistungen aber auch einen Überwachungsstaat schaffen. Angst vor Nanoteilchen an sich bräuchte aber niemand haben. Schließlich seien auch Viren per Größendefinition Nano-Partikel. Und mit täglich tausenden von denen werde unser Immunsystem ganz gut fertig.

    Die Deutsche Angst ist ein sehr erfolgreicher Exportartikel

    Zum Abschluss fassten der WELT-Kolumnist, Publizist und Bestsellerautor, Dirk Maxeiner, und der Moderator der Veranstaltung, Spiegel-Journalist Jan Fleischhauer, das Gehörte zusammen. Für Dirk Maxeiner steht fest, dass die merkwürdige Fixierung der deutschen Politiker und Medien auch in der Faszination am Untergang liegt. Bedrohungsszenarien müssten schon aus pädagogischen Gründen aufrecht erhalten werden. Sie seien gerade in großen Teilen der westdeutschen Öffentlichkeit Nachfolger des Katholizismus. Die Tatsache, dass man im Osten Deutschlands aufgeschlossener und technikaffiner sei, bestätige das. Denn hier habe man schließlich so seine Erfahrungen mit Ersatzreligionen. Auch für Jan Fleischhauer ist es „kein Zufall, dass eine Veranstaltung wie die Fortschrittsoffensive gerade in Dresden stattfindet.“ Grundsätzlich, so Dirk Maxeiner, seien die Fronten in der Diskussion in Deutschland leider verhärtet. Es gebe nur gut und böse, schwarz oder weiß. „In Deutschland fehlen Figuren, die in beiden Lagern eine gewisse Glaubwürdigkeit besitzen“. Und so sei die Deutsche Angst inzwischen zu einem der erfolgreichsten deutschen Exportschlager geworden. „Sie ist inzwischen in fast allen Industrienationen angekommen.“ Auch den eigenen Berufsstand schonten Maxeiner und Fleischhauer nicht. Die einseitige Berichterstattung sei erklärbar. Schließlich sei es die Generation 45plus, die mit der Umweltbewegung groß geworden ist und jetzt nach dem Marsch durch die Institutionen die herrschende Klasse stelle. Und deren Tun müsse man mindestens genau so kritisch hinterfragen, wie das von Industriekonzernen. Nur habe das die Mehrheit der Journalisten eben noch nicht mitbekommen.